Hör-Tagebuch

CI-SprachprozessorHeute war die vierte Anpassung meines Sprachprozessors (SP). Der SP ist das äußerlich sichtbare Teil des Cochlea Implantats. Es sieht aus wie ein Hörgerät und wird auch genauso hinters Ohr gehängt. Aber es ist noch ein Knopf dran: der Magnet, der den Kontakt mit dem Implantat hält. Dieser Magnet wird etwas oberhalb hinterm Ohr am Schädel platziert. Er sorgt dafür, dass das Implantat Energie erhält (über Batterien im SP) und damit überhaupt erst funktioniert. Und dann bringt der SP natürlich die Klangwelt ins Innere, bei mir ist er mit zwei Mikrofonen bestückt. Aber dass ich damit überhaupt etwas höre, liegt nur an den Einstellungen, die ich in jeder Sitzung mit Audiologen meiner Klinik anpasse.

EA – die Erstanpassung

Dudeldudeldidup und an ist das CI. Die Audiologin aktiviert Elektrode für Elektrode meines CIs – und ich wirke mit, indem ich angebe, ab wann ich einen Ton höre und ab wann nicht mehr. Dann das gleiche Spiel für das Lautheitsempfinden, wann finde ich einen Ton noch angenehm laut, wann zu laut? Dann steht die Grundeinstellung für das erste Programm.

„Wie hört es sich für Sie an?“ Nach dem Anschalten höre ich zunächst einen Dauerton und bin irritiert. Doch während des Gesprächs scheint dieser Ton aus meiner Wahrnehmung zu verschwinden. Und dann bin ich einfach nur positiv überrascht, freudig überrascht. Denn ich habe damit gerechnet, dass ich zu Beginn nur wenig verstehen würde mit dem CI. Und nun hört es sich zusammen mit dem Hörgerät schon sehr vielversprechend an. Nach fünf ‚einohrigen‘ Wochen hört sich die Welt auf einmal wieder voller an.

Die Audiologin richtet mir ein zweites etwas lauteres Programm ein, „zum Ausprobieren“. Und obwohl es etwas unangenehm laut ist, höre ich mehr Stimme als in der ersten Einstellung. Ich habe das Gefühl, als würde ich meinem Gehirn bei der Arbeit zuschauen.

Ich erhalte eine Anleitung, wie ich das Batteriefach öffnen und schließen kann und wie ich mit der Fernbedienung umgehen sollte. Dann legt die Audiologin einen Karton auf den Tisch, in dem sich das Zubehör des CIs befindet: Austauschmagnete, Austausch-Batteriefächer, verschiedene Verbindungskabel, eine Trockenbox, eine Bluetooth-Induktionsschleife und verschiedene Info-Materialien – und einen ersten Satz Batterien.

Bei der Logopädin darf ich anschließend meine ersten Eindrücke schildern. Sie gibt mir Tipps fürs eigene Hörtraining und leiht mir eine Geräusche-CD aus. „Einfach ausprobieren.“ Dann machen wir eine Probe: Ich soll mich wegdrehen, das Hörgeräte-Ohr wird ‚ausgeschaltet‘, und nun soll ich nur mit dem CI hören und verstehen, welche Obstsorte sie mir nennt. „Banane“ geht schon ganz gut oder „Mandarine“, beim Apfel tu ich mich schon schwerer. Aber das ist ja nur der Anfang.

In zwei weiteren Anpassungen werden die Parameter noch etwas angehoben bzw. abgesenkt, je nachdem, welche Rückmeldungen ich den Audiologen gebe. Nach der dritten Anpassung kann ich ein S wieder klar hören, aber ich kann es nicht immer klar von einem Zischlaut unterscheiden.

Hörtraining (CI alleine):

Mit der Audiologin trainiere ich am PC das Erkennen von Wörtern. Es wäre frustrierend, wenn man keine Vorlagen hätte. Ich darf mir aus zwei, drei oder mehr Wörtern eins auswählen, das es vielleicht gewesen sein könnte, was ich da gehört habe. So komme ich am Anfang anhand des Rhythmus, der Silbenzahl gut hin. Und dann, noch während des Trainings erlebe ich wie das Gehirn umschaltet. Ich höre nicht mehr den mechanisch-roboterhaften Ton, sondern eine Stimme. Als wäre da ein Klangregen – und hinter der Regenwand ist das Wirkliche zu erkennen.

Bei Geräuschen und Musikinstrumenten schaltet das Gehirn noch nicht so leicht um. Aber bei Stimmen, bei Sprache.

Zuhause übe ich mit einer Trainings-CD, die die Klinik aufgenommen hat. Es gibt verschiedene Sprecher, männliche und weibliche Stimmen. Kurze Sätze, Gedichte, Kurzgeschichten. Bis jetzt sind nur die männlichen Stimmen einigermaßen angenehm zu hören.

Hörerlebnisse im Alltag (CI zusammen mit Hörgerät):

  • Nach der Erstanpassung fällt mir der Klang von Schritten auf: Kinder, die zur Schule rennen, eine Frau, die Schuhe mit Absätzen trägt und eine Straße überquert, meine eigenen Schritte auf Kies. Ich lasse den Kies unter meinen Schuhen extra knirschen.
  • Ich höre beim Warten auf den Bus ein dunkles Motorgeräusch, ich schaue mich um und entdecke am Ende der Straße den LKW, der gerade in die Straße einbiegt.
  • Ich höre an der kleinen S-Bahnhofsstation schon von weitem einen Zug. Ich höre ihn, bevor ich ihn sehe.
  • Bei der Arbeit höre ich, wenn sich Leute im Flur unterhalten. Manchmal nehme ich auch das Türklopfen besser wahr. Und die Chefin sagt, ich verdrehe beim Zuhören den Kopf nicht mehr.
  • Stimmen haben wieder mehr Ecken und Kanten.

Ich bin ziemlich glücklich mit den neuen Hörerlebnissen und gespannt auf die weiteren Entwicklungen.

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Turban für fünf Tage

Frau mit Kopfverband und Brille liest Zeitung im Bett„Die Operation ist gut verlaufen“, sagt der Operateur. Und das glaube ich ihm aufs Wort. Denn nur ein, zwei Stunden nach dem Eingriff stehe ich auf beiden Beinen in meiner Station, fühle mich quicklebendig und plaudere munter und wie aufgedreht drauflos. Der Operateur lächelt. Vermutlich verhalten sich viele Patienten nach einer Narkose genau so.

Ich bin dankbar für die Segnungen der modernen Medizin. Ruhig ein- und ausatmen, das ist mein letzter aktiver Beitrag vor der Operation, dann beginnt auch schon das Narkosemittel zu wirken – und dann wache ich auch schon wieder auf, so scheint es mir.

In Wirklichkeit dauert die Cochlea Implantat-Operation rund zwei Stunden. Mein Operateur braucht in der Regel nur eineinhalb Stunden, sagt zumindest der Arzt, der mit mir das Vorbereitungsgespräch führt.

Das Einzige, was mich an die OP erinnert, ist der dicke Turban auf meinem Kopf. Für fünf Tage muss ich einen Druckverband tragen, damit das Implantat an Ort und Stelle einwächst. Der Verband ist so fest, dass ich mir Sorgen mache, wie meine rechte Ohrmuschel den Dauerdruck überstehen soll. Die einzig wahrnehmbaren Schmerzen rühren wirklich von diesem Gefühl an meinem Ohr.

Meine normale Brille passt nicht über den Verband – aber es gibt noch eine alte Brille mit flexibleren Bügeln. Ich befestige sie mit Pflaster oder schiebe sie in das Mullnetz. So kann ich auf der Station auf- und abgehen, alle Klatschzeitschriften durchblättern, mir Tee oder Kaffee holen. Es sieht ganz lustig aus, auch weil meine Haare oben herausquellen. Fürs Hören und Verstehen ist derzeit mein linkes Ohr samt Hörgerät alleine zuständig.

Improvisation ist alles – auch beim Schlafen. Ich habe mir zwar extra ein niedliches Kissen in Wolkenform in die Klinik mitgebracht, aber es hilft nicht wirklich. Andere CI-Patienten schwören auf ganz große weiche Kissen, andere auf Nackenhörnchen. Ich baue mir jeden Abend ein Nest aus Wolkenkissen, Krankenhauskissen und einem weichen Schal. Mal wache ich die Nacht hindurch, mal döse ich häppchenweise. Egal. Ich weiß ja, dass der Verband wieder abkommt.

Die fünf Turbantage und -nächte gehen schnell vorbei. Dazwischen zweimal Verbandswechsel. Wie ich mich freue, als die Ärztin mir am Entlassungstag sagt: „Wenn der Verband sich von selbst löst, kann er auch wegbleiben.“  Ein Rezept bekomme ich noch mit: Antibiotika und Cortison, um alle Risiken zu minimieren.

Weihnachten feiere ich ohne Turban und ich beginne, mein rechtes Ohr wiederzubeleben. Unter dem Langzeitdruck ist die Ohrmuschel nun tatsächlich irritiert und sie wirkt schlapp und weich. Noch eine Woche bis zum Fädenziehen, etwa vier Wochen bis zur CI-Erstanpassung. Ich fühle mich fit und lausche interessiert den neuen Ohrgeräuschen, die von Zeit zu Zeit hörbar werden.

Musik fühlen, Schwingung spüren

Der Mensch hört nicht nur mit den Ohren. Schwingungen empfinde ich  mit dem ganzen Körper, wenn ich meine Wahrnehmung darauf ausrichte.

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Mein Handicap

Ich fand es seltsam, als mich mal jemand auf mein „Handicap“ ansprach. Ich bin schwerhörig, und wahrscheinlich wollte er das deutsche Wort „Behinderung“ vermeiden. Bei „Handicap“ denke ich aber eher an das Golf-Spiel. Oder an das englische „handicapped“ – und bei dem Begriff denke ich unweigerlich an Menschen mit einer Gehbehinderung.

Was ist Behinderung?

Das ist im Deutschen ähnlich. Die meisten denken im Zusammenhang mit dem Wort „Behinderung“ an Querschnittslähmung, Rollstuhlfahrer, vielleicht auch noch an Geistesbehinderung. Entsprechend wurde jahrelang der Begriff „barrierefrei“ vor allem auf die Mobilitätshindernisse angewendet. Trottoirs wurden abgesenkt, Haltebahnstellen erhöht, Türen verbreitert, Fahrstühle und Treppenlifte eingerichtet.

Zahlreiche Aktivisten haben ihres dazu beigetragen, dass „Barrierefreiheit“ immer weiter gefasst wurde, und dass z.B.  Räume und Veranstaltungen auch für Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen zugänglich gemacht wurden.

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