Turban für fünf Tage

Frau mit Kopfverband und Brille liest Zeitung im Bett„Die Operation ist gut verlaufen“, sagt der Operateur. Und das glaube ich ihm aufs Wort. Denn nur ein, zwei Stunden nach dem Eingriff stehe ich auf beiden Beinen in meiner Station, fühle mich quicklebendig und plaudere munter und wie aufgedreht drauflos. Der Operateur lächelt. Vermutlich verhalten sich viele Patienten nach einer Narkose genau so.

Ich bin dankbar für die Segnungen der modernen Medizin. Ruhig ein- und ausatmen, das ist mein letzter aktiver Beitrag vor der Operation, dann beginnt auch schon das Narkosemittel zu wirken – und dann wache ich auch schon wieder auf, so scheint es mir.

In Wirklichkeit dauert die Cochlea Implantat-Operation rund zwei Stunden. Mein Operateur braucht in der Regel nur eineinhalb Stunden, sagt zumindest der Arzt, der mit mir das Vorbereitungsgespräch führt.

Das Einzige, was mich an die OP erinnert, ist der dicke Turban auf meinem Kopf. Für fünf Tage muss ich einen Druckverband tragen, damit das Implantat an Ort und Stelle einwächst. Der Verband ist so fest, dass ich mir Sorgen mache, wie meine rechte Ohrmuschel den Dauerdruck überstehen soll. Die einzig wahrnehmbaren Schmerzen rühren wirklich von diesem Gefühl an meinem Ohr.

Meine normale Brille passt nicht über den Verband – aber es gibt noch eine alte Brille mit flexibleren Bügeln. Ich befestige sie mit Pflaster oder schiebe sie in das Mullnetz. So kann ich auf der Station auf- und abgehen, alle Klatschzeitschriften durchblättern, mir Tee oder Kaffee holen. Es sieht ganz lustig aus, auch weil meine Haare oben herausquellen. Fürs Hören und Verstehen ist derzeit mein linkes Ohr samt Hörgerät alleine zuständig.

Improvisation ist alles – auch beim Schlafen. Ich habe mir zwar extra ein niedliches Kissen in Wolkenform in die Klinik mitgebracht, aber es hilft nicht wirklich. Andere CI-Patienten schwören auf ganz große weiche Kissen, andere auf Nackenhörnchen. Ich baue mir jeden Abend ein Nest aus Wolkenkissen, Krankenhauskissen und einem weichen Schal. Mal wache ich die Nacht hindurch, mal döse ich häppchenweise. Egal. Ich weiß ja, dass der Verband wieder abkommt.

Die fünf Turbantage und -nächte gehen schnell vorbei. Dazwischen zweimal Verbandswechsel. Wie ich mich freue, als die Ärztin mir am Entlassungstag sagt: „Wenn der Verband sich von selbst löst, kann er auch wegbleiben.“  Ein Rezept bekomme ich noch mit: Antibiotika und Cortison, um alle Risiken zu minimieren.

Weihnachten feiere ich ohne Turban und ich beginne, mein rechtes Ohr wiederzubeleben. Unter dem Langzeitdruck ist die Ohrmuschel nun tatsächlich irritiert und sie wirkt schlapp und weich. Noch eine Woche bis zum Fädenziehen, etwa vier Wochen bis zur CI-Erstanpassung. Ich fühle mich fit und lausche interessiert den neuen Ohrgeräuschen, die von Zeit zu Zeit hörbar werden.

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Inklusion betrifft alle

Wer nimmt eine kleine Weltreise auf sich, um die Inklusion zu unterstützen? Ich! Und das, obwohl ich im Winter eher ein Couch-Potato bin und lieber zuhause bleibe. Aber: Das Inklusive Filmfestival „Überall dabei“ der Aktion Mensch machte Station in Heidelberg. Und wenn schon mal was Inklusives angeboten wird, dann wollte ich das unterstützen. Also erst 10 Minuten Straßenbahn bis zum Hauptbahnhof Mannheim, dort 10 Minuten warten,  dann weitere 23 Minuten Fahrt in der S-Bahn bis zur Heidelberger Altstadt und dem Karlstorkino. (Ich vergaß zu erwähnen, dass ich derzeit ohne eigenes Auto, dafür aber mit ÖPNV und Carsharing mobil bin.)

Kinoträume inklusive

Genug Zeit zum Philosophieren auf der Fahrt. Ich überlege: „Wenn Inklusion realisiert wäre, dann würde ich als Schwerhörige jetzt nicht extra mit der Bahn durch die Nacht fahren. Ich könnte dann jederzeit auch in Mannheim Kinofilme barrierefrei sehen.“ Wie könnte das aussehen? Reicht etwa ein regelmäßiger Filmtag z. B. mit aktuellen untertitelten Filmen, Hörfassungen für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen, spezielle Tonfassungen für schwerhörige Menschen, Kinoton über Induktionsanlagen … Meine Phantasie geht mit mir durch, ich sehe schon große Kinohäuser, die mindestens einen ihrer Kinosäle generell barrierefrei und zugänglich gestalten. Immer, jeden Tag. Du kannst hingehen, wann du willst, und Filme barrierefrei schauen.

Aber ich fahre ja nicht nur wegen der Barrierefreiheit durch die Nacht. Das Festival und die gezeigten Filmbeiträge setzen sich auch genau mit dem Thema Inklusion auseinander. Und der Film, den ich sehen will, heißt „Deaf Jam“. Es geht um eine gehörlose Schülerin in den USA, die während eines Schulprojekts ‚deaf poetry‘ lernt.

Poesie direkt und unmittelbar: Deaf Jam

Die Schülerin Aneta drückt dabei ihre Gefühle in Gedichtform mit eigenen neuen Gebärden und Gebärdenbildern aus. Das Ganze bekommt eine weitere Dimension, als sie bei Poetry Slams auch vor Hörenden auftritt und später als israelische Einwanderin gemeinsam mit einer hörenden palästinensischen Einwanderin auftritt. Es ist eine einzigartige Performance, auf die auch der entsprechende Film-Trailer gut einstimmt.

Der Film hat mich als Zuschauerin sehr berührt, es war sehr lebendig und gefühlvoll. Und auch nachdenklich – denn es kommen auch die Ängste der Schüler zur Sprache, die Fragen nach dem, was nach der Schule kommt. Wie wird man sich zurechtfinden außerhalb der Gehörlosenschule, außerhalb der Gehörlosengemeinschaft, wo die Mehrheit mit Lautsprache und nicht mit Gebärden kommuniziert?  Wie kann ein Studium finanziert werden, wenn die Einwanderer noch nicht eingebürgert wurden?

Was mir besonders gut gefiel, waren die Untertitel. Diese wurden nicht so, wie man’s vom Fernsehen kennt, unten eingeblendet, womöglich vor schwarzem Hintergrund. Nein, die Untertitel waren Bestandteil des Films – sozusagen inklusive. Sie wurden grafisch den Gebärden angepasst und waren richtig hineinverwoben in die Darstellung der jugendlichen Dichter.

Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht?

FM-Anlage
FM-Anlagen senden Ton z.B. per Mikrofon in einen mobilen Empfänger, der dann per Kopfhörer oder Induktionsschleife den Ton zum Ohr oder Hörgerät transportiert.

Natürlich wollte ich als Hörgeräteträgerin auch die Induktionsanlage nutzen, die in der Veranstaltungsbroschüre aufgeführt war. Ich wollte alles mitnehmen, was ‚inklusiv‘ bedeutet. Leider kannte sich der Mensch vor Ort kaum mit dieser Technik kaum aus. Ich zeigte ihm, dass ich die T-Schlinge aus seinem FM-Koffer bräuchte und natürlich den Empfänger. Doch die Anlage funktionierte nicht.

Bei der offiziellen Begrüßungsrede zögerte ich  und dachte, vielleicht war die Technik ja nur für den Kinoton vorgesehen. Außerdem gab es Mikrophon, Lautsprecher, Schrift- und Gebärdendolmetscher für den Redner – ich verstand also alles.

Aber dann sitzt du in der Mitte der Kinoreihe, Licht aus, Film ab – kein Ton über Induktion. Du probierst die Kanäle durch… Nichts! Und dann gibst du auf, lässt du’s irgendwann bleiben. Außerdem denkst du, dass dir in diesem speziellen Film – über Gebärdenpoesie – der normale Lautsprecherton reicht, weil es hier sowieso um das Sehen und Spüren geht.

Ich habe also erst nach dem Film, beim Abgeben der Geräte gesagt, dass es nicht funktioniert hat, und bin gegangen. Den Veranstaltern habe ich tagsdrauf per E-Mail das technische Problem geschildert.

Im Nachhinein erkenne ich, dass ich mich besser gleich direkt hätte melden müssen. Denn erstens: Wie sollten die Veranstalter sonst davon erfahren, dass die Technik nicht funktioniert? Und zweitens: weil Inklusion alle betrifft.

Es geht doch nicht, dass ich sage: „Na ja, ich kann’s ja auch ablesen.“ Denn wenn die Kinoton-Übertragung für FM-Anlage nicht funktioniert, könnte das ja rein theoretisch auch Sehgeschädigte und ihre Hörfassungen betreffen. Wer also was sagt, hilft unter Umständen nicht nur sich selbst, sondern auch andern. Das wäre dann ein wirklich inklusives Verständnis.

Und deshalb steht dieser Artikel unter der Kategorie: „Zeigen“. Und auch im Zeigen macht Übung den Meister.

  • Ich notiere mir: Inklusion ist, wenn ich über mich hinausdenke.
  • Das Inklusive Filmfestival „Überall dabei“ ist übrigens bis Mai 2013 in rund 40 Städten zu erleben. Vielleicht auch in einem Kino in eurer Nähe – ohne Weltreise.
  • Im Rahmen des Festivals findet außerdem der Poetry Slam-Wettbewerb „BÄÄM! Der Deaf Slam“ sowie begleitende Workshops für hörende und gehörlose Nachwuchs-Poeten statt, die ihre Gedichte mit Worten und Gebärden ausdrücken.
  • Und wie würdet Ihr den Satz „Inklusion ist …“ beenden?

Musikvideo „Waiting“ von Breitenbach – innovativ und barrierefrei

Ich bin kürzlich von einem Freund auf ein Musikvideo der Band Breitenbach aufmerksam gemacht worden, für das ich gerne Werbung mache. „Waiting“ ist das erste barrierefreie Musikvideo. Es ist nicht nur die Musik zu hören und die Band zu sehen. Die Texte wurden zusätzlich künstlerisch stimmig in Gebärdensprache übersetzt und mit Untertiteln versehen. Gleichzeitig gibt es sogenannte „Beat-Points und Sound-Bars“, die anzeigen, wie stark oder rhythmisch die Pegel ausschlagen.

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Musik fühlen, Schwingung spüren

Der Mensch hört nicht nur mit den Ohren. Schwingungen empfinde ich  mit dem ganzen Körper, wenn ich meine Wahrnehmung darauf ausrichte.

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Mein Handicap

Ich fand es seltsam, als mich mal jemand auf mein „Handicap“ ansprach. Ich bin schwerhörig, und wahrscheinlich wollte er das deutsche Wort „Behinderung“ vermeiden. Bei „Handicap“ denke ich aber eher an das Golf-Spiel. Oder an das englische „handicapped“ – und bei dem Begriff denke ich unweigerlich an Menschen mit einer Gehbehinderung.

Was ist Behinderung?

Das ist im Deutschen ähnlich. Die meisten denken im Zusammenhang mit dem Wort „Behinderung“ an Querschnittslähmung, Rollstuhlfahrer, vielleicht auch noch an Geistesbehinderung. Entsprechend wurde jahrelang der Begriff „barrierefrei“ vor allem auf die Mobilitätshindernisse angewendet. Trottoirs wurden abgesenkt, Haltebahnstellen erhöht, Türen verbreitert, Fahrstühle und Treppenlifte eingerichtet.

Zahlreiche Aktivisten haben ihres dazu beigetragen, dass „Barrierefreiheit“ immer weiter gefasst wurde, und dass z.B.  Räume und Veranstaltungen auch für Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen zugänglich gemacht wurden.

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